Vom AI-Hype zum Autonomous Commerce: Warum der Gewinner Connected ERP heißt und nicht schon wieder ein neuer Agent
Das KI-Rennen im Commerce ist offiziell in seiner pragmatischen Ära angekommen. Letztes Jahr war das Narrativ noch simpel und grenzte an Science-Fiction: Buyer-Side-Bots und dialogorientierte KI-Shopping-Assistants würden die Art und Weise, wie wir online einkaufen, grundlegend verändern.Die Branche stellte sich auf eine Welt ein, in der Consumer-Agenten selbstständig verhandeln und Einkäufe direkt über Chat-Schnittstellen tätigen würden.
Die Realität hat jedoch zu einer drastischen Kurskorrektur geführt.
Während Daten von The Rank Collective zeigen, dass mittlerweile 64 % der Verbraucher KI-Tools für die Produktsuche nutzen, stößt die eigentliche Transaktionsphase an ihre Grenzen. Laut eMarketer schreitet die Akzeptanz von dialogorientiertem und agentenbasiertem Commerce auf Konsumentenseite weitaus langsamer voran als prognostiziert. Der ultimative Beweis? OpenAI hat seine Ambitionen für einen Instant-Checkout in ChatGPT zurückgeschraubt und leitet abgeschlossene Käufe stattdessen wieder an Apps von Drittanbietern weiter.
Das Fazit ist eindeutig: Verbraucher wollen, dass KI ihnen hilft, Produkte zu finden – aber sie verlangen nach vertrauten Commerce-Strukturen und menschlicher Aufsicht, sobald es ans Bezahlen geht.
Das Skript umdrehen: SAPs Merchant - Side Architecture
Da sich die Bots auf der Käuferseite als Sackgasse erwiesen haben, hat SAP mit seiner neuesten Agentic B2B Commerce-Präsentation das Skript umgedreht. Statt unberechenbare Bots mit Kundenkontakt zu entwickeln, führt SAP einen hochstrukturierten, händlerseitigen Ansatz (Merchant-Side Architecture) für den Autonomous Commerce ein.
Anstatt sich auf eine einzige „Black Box“-KI zu verlassen, teilt SAP die Arbeit auf drei spezialisierte Agententypen auf und schafft so ein klares Gleichgewicht aus Vertrauen, Rentabilität und Loyalität:

- Experience Agents (Absicht in Bestellungen verwandeln): Diese konzentrieren sich darauf, komplexe User Intent zu verstehen, die Produktsuche zu leiten und personalisierte Shopping-Journeys zu gestalten. Das Ziel: Vertrauen.
- Execution Agents (Das Versprechen einlösen): Diese gehen über die reine Storefront-Experience hinaus und sichern die operative Exzellenz – sie steuern den Lebenszyklus von Bestellungen, koordinieren Lieferketten und verwalten die Abwicklung. Das Ziel: Rentabilität.
- Optimization Agents (Ergebnisse kontinuierlich verbessern): Diese Agenten agieren über den gesamten Lebenszyklus hinweg, analysieren Verhalten, belohnen Loyalität und verbessern die zukünftige Planung. Das Ziel: Loyalität.
Die autonome Reise: Die Welle vs. die Leitplanke
In ihrer neuesten Präsentation visualisierte SAP dieses End-to-End-Framework nicht als gerade Linie, sondern als eine kontinuierliche, sich wiederholende Welle über die gesamte digitale und physische Commercelandschaft hinweg.
Diese Map zeigt im Detail, wie die spezifischen, zugrundeliegenden Assistenten von SAP die Hauptarbeit in jeder Phase des Lebenszyklus übernehmen:

- Bedarf erfassen: Unterstützt durch strategische Partnerschaften mit Google und Vercel sorgt ein spezialisierter Merchandising Assistant dafür, dass Ihre Produktkataloge von KI-Suchmaschinen nativ indexiert werden können. Potenzielle Kunden finden Ihre Produkte bei der autonomen Suche, noch bevor sie Ihre Website überhaupt besuchen.
- Absicht in Kauf umwandeln: Ein Shopping Assistant übernimmt und wandelt komplexe B2B-Käuferanfragen und individuelle Preisstrukturen in präzise digitale Bestellungen um.
- Bestelllebenszyklus steuern: Der Order Management Assistant übernimmt das Steuer, leitet die Auftragsabwicklung und navigiert durch die Backend-Lieferlogistik.
- Lagerbedarf vorhersehen & Planung optimieren: Ein zweiseitiger Planning Assistant fungiert als Anker im Backend und prognostiziert den Lagerbedarf, bevor Engpässe das Front-End-Erlebnis stören können.
- Treue Kunden belohnen: Ab Oktober 2026 werden automatisierte Loyalty-Trigger den Kreislauf dynamisch schließen und auf Basis von Lebenszyklusdaten Anreize für Folgegeschäfte schaffen.
Stellen wir die falsche Frage?
Ein Großteil der aktuellen Debatte in Unternehmen dreht sich um die technische Arbeitsteilung: Welcher Agent kümmert sich um Retouren? Welcher Agent erstellt das Angebot? Was, wenn dieser Fokus falsch ist? Die Mikromechanik der Agenten ist weitaus weniger wichtig als eine viel größere, strukturelle Frage: Arbeitet das gesamte Ökosystem in Echtzeit zusammen?
Ein KI-Agent kann ein Produkt fehlerfrei empfehlen. Ein anderer kann den Preis optimieren. Wenn jedoch Ihre E-Commerce-Plattform von ihrem Kern-ERP-System getrennt ist, bricht die Autonomie sofort in sich zusammen. Ein Experience Agent wird liebend gerne ein Produkt verkaufen, das der Execution Agent aufgrund eines unvorhergesehenen Engpasses in der Lieferkette gar nicht liefern kann.
Echter Autonomous Commerce ist ohne eine Echtzeitverbindung zum ERP-Kern (wie S/4HANA) eine Illusion. Sie brauchen nicht nur Agenten; Sie benötigen Echtzeit-Transparenz über die Bestände, dynamische Margenkalkulationen und eine synchrone Multichannel-Datensynchronisation in Sekundenbruchteilen.
Das Kernurteil: Collaborative Commerce und menschliche Verantwortung
Trotz der Automatisierung, die der neuen SAP-Journey zugrunde liegt, bleibt der B2B-Commerce im Kern eine menschliche Angelegenheit. Vertrauen, Compliance und langfristige Geschäftsbeziehungen erfordern klare Kontrollmechanismen.
Wenn das System Hintergrundaufgaben automatisiert, umgeht es den Menschen nicht, sondern bereitet sie vor. Die Echtzeitverbindung zwischen ERP und Commerce stellt sicher, dass Vertriebs- und Supportteams hochgradig kontextualisierte, vorkalkulierte Benachrichtigungen mit Empfehlungen für die nächsten optimalen Schritte erhalten.
Der menschliche Entscheidungsträger bleibt jedoch fest als Human-in-the-Loop eingebunden.
Die KI kann die Entscheidung vorbereiten, den Workflow orchestrieren und die Marge berechnen. Ein Mensch muss jedoch nach wie vor die letzte Entscheidungsbefugnis haben, um ein individuelles Angebot zu ändern, eine komplexe Produktretoure zu akzeptieren oder ein automatisiertes Ticket zu überschreiben.
Letztendlich bewegen wir uns nicht auf einen vollautomatisierten Commerce zu, sondern auf einen Collaborative Commerce. In der B2B-Welt müssen wir immer genau wissen, wer die endgültige Entscheidung getroffen hat. Die Unternehmen, die in der nächsten Ära der Technologieeinführung gewinnen, werden nicht die sein, die die meisten isolierten Agenten einsetzen – sondern jene, deren Agenten nahtlos an ihren ERP-Kern angebunden sind und dem Menschen auf intelligente Weise die Kontrolle und Verantwortung überlassen.
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